Sektion Rheinland in Mainz: Busch, Schöfferhofer und Gensfleisch

11. Dezember 2022

von Michael Busemann

Reisen bildet. Dass das sinngemäße Goethe-Zitat absolut stimmt, hat die Reisegruppe der Sektion Rheinland am letzten November-Samstag erfahren. Inken Küpper, Biersommelière aus Mainz mit Düsseldorfer Wurzeln, hat uns eingeladen und auf eine eintägige Stadt- und Bier-Tour durch die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt geführt.

Spannende Neuigkeiten (für die meisten von uns):

  • Adolphus Busch, Mitbegründer der Anheuser-Busch Brewing Association, ist von Mainz aus ausgewandert
  • Schöfferhof ist ursprünglich eine Mainzer Brauerei
  • Johannes Gutenberg wurde um 1400 als Henchin Gensfleisch in Mainz geboren

Mainz hat mittlerweile wieder eine schöne Brauereiszene. Mit Eisgrub, Eulchen, Kuehn Kunz Rosen, Schwarze Rose (brauen bei KKR) und der Rheinhessen Bräu gibt es fünf Brauereien, die bis auf die Rheinhessen Bräu in der Innenstadt liegen.

Bevor die ersten Biere verkostet wurden, führte uns Inken Küpper, die hauptberuflich als Stadtführerin und Biersommelière arbeitet, durch einige Stationen ihrer Wahlheimat. 

Los ging es am Schillerplatz, einer der zentralen Plätze der Innenstadt. Der dortige Fastnachtsbrunnen ist das wohl wichtigste Denkmal der Stadt. Auf dem gegenüberliegenden Balkon des Osteiner Hofes wird am 11. November die Fastnacht ausgerufen.

Weiter zum nahe gelegenen Gutenberg-Denkmal. Gutenberg gehört zu Mainz wie Mozart zu Salzburg. Das Denkmal zeigt den Erfinder des Buchdrucks, von dem es kein Bildnis gibt. Daher wird Johannes Gutenberg zeitgenössisch dargestellt: bärtig, vornehm gekleidet, mit Bibel und Drucktypen in der Hand.

Fun-Fact 1: Johannes Gutenberg wird als Henne, Henle oder Henchin Gensfleisch 1397 oder 1400 in Mainz geboren, damals eine der bedeutendsten Städte im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ – so der offizielle Reichsname. Gutenberg war der jüngste Sohn des Patriziers Friele Gensfleisch zur Laden. 1430 tauchte in einer Urkunde erstmals der Name Henchin Gudenberg auf, der sich auf eine ehemalige Wohnstätte der Familie bezieht.

Fun-Fact 2: Mainz liegt auf dem 50. Breitengrad Nord. Er ist als kupferfarbenen Band, das sich nicht immer geografisch ganz korrekt mitten durch die City zieht, gekennzeichnet.

Fun-Facts 3: Alle parallel zum Rhein verlaufenen Straßenschilder haben die Farbe Blau. Straßen, die horizontal verlaufen, sind rot.

Auf zum Eulchen! Der Weg führte uns an der ersten Mainzer Gasthausbrauerei Eisgrub-Bräu vorbei. Die Eisgrub ist der ehemalige Mainzer Natur-Eiskeller, der sich in der Mainzer Oberstadt befindet.

Die Einkehr war aber für den Rückweg vorgesehen. Es ging zunächst über die große Naturstein-Treppenanlage und den oberhalb führenden Eisgrubweg weiter zum ehemaligen Maschinenhaus der Brauerei Schöfferhof. Die Anfänge lagen in der Korbgasse 3. 1476 arbeitete dort der Drucker Peter Schöffer aus Gernsheim in einer gemeinsamen Werkstatt mit Johannes Gutenberg (Henchin Gensfleisch). 1512 wurde dort das erste Brauhaus eingerichtet. Ab 1861 hieß die Brauerei Schöfferhof-Dreikönigshof. 1905 erfolgte der Zusammenschluss mit der Frankfurter Bürgerbräu Actien-Gesellschaft, 16 Jahre später die Fusion mit der Binding-Brauerei zur Schöfferhof-Binding-Brauerei AG mit einer Braustätte in Mainz, die in den 1960er-Jahren geschlossen wurde. Im Schöfferhofer Weizenbier erinnert die Abbildung von Peter Schöffer an die Historie.

An gleicher Stelle erzählte Inken auch die Geschichte von Adolphus Busch, der am 10. Juli 1839 als 21. von 22 (!) Geschwistern in Mainz geboren wurde. Er wanderte 1857 in die USA aus, wo er mit Eduard Anheuser zusammenarbeitete, heiratete dessen Tochter Lilly und beteiligte sich 1865 an der Brauerei seines Schwiegervaters. Die Marke Budweiser braute Busch in Kooperation mit dem Weinhändler Carl Conrad.

Danach ging es zum nächsten historischen Standort, der Kupferbergterrasse. Sie liegt auf einer Anhöhe mit einem fantastischen Blick über Mainz in Richtung Frankfurt. 1888 wurde unter dem Haupthaus der Sektkellerei Kupferberg der mit 50 Meter tiefste Sektkeller der Welt errichtet.

Im Kupferberg wurde auch die Mainzer Aktien Brauerei (MAB) 1859 als Brey’sche Aktien-Bierbrauerei gegründet und gehörte 1915 mit 300.000 Hektolitern Ausstoß zu den zehntgrößten Brauereien Deutschlands. Der Zweite Weltkrieg zerstörte die Brauereigebäude auf der Kupferbergterrasse. Die MAB erreichte nie wieder alte Größe. 1983 wurde der Mainzer Betrieb der Brauerei, die sich mittlerweile im Besitz der Binding befand, eingestellt.

An dieser historischen Stätte residiert nun die Brauerei Eulchen. Die Betreiber Philipp Vogel und Leonidas Lazaridis haben 2013 ihre Bachelorarbeit mit dem Titel Rebellion gegen Einheitsbier im Fach Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz geschrieben. Daraus entstand das reale Projekt Eulchen. Zunächst wurde in der Gasthofbrauerei zur Traube in Nidda gebraut. 2017 ging es dann in den Kupferberg. Eine Million Euro für die etwa 1.000 qm große Brauerei wurde investiert. Neben der 10 hl Anlage gibt es eine Abfüllanlage und elf Tanks in der Größenordnung 7 x 30 hl und  4 x 10 hl. Angeboten werden acht Kernsorten und rund sechs saisonale Biere.

Inken erzählte auch, wie es zum Namen Eulchen kam. Tiere waren früher beliebte Namensgeber für Brauereien. Die Eule sollte das Wappentier werden, ein nachtaktives Tier, das sicherlich gut zu Bier und Gastronomie passt. Da die Biere in der Drittelliter-Flasche abgefüllt werden, wurde daraus Eulchen.

Nächste Station war das Eisgrub-Bräu. Eröffnet wurde die Gasthausbrauerei im Mai 1989 in den historischen Eiskellern im Mainzer Kupferberg. Damit wurde eine durchgehende Mainzer Biertradition seit mehr als 700 Jahren gesichert. Die Gäste sitzen direkt neben den Sudkesseln im Gastraum. Gebraut werden zwei Sorten - Schwarzbier und Helles auf einer 10 hl Caspary-Anlage. Saisonale Biere kommen von außerhalb. Bei uns war es ein IPA von Lahnsteiner. Die Jahreskapazität beträgt 2.000 hl. Zudem wird Bitburger alkoholfrei und Benediktiner Weizen angeboten. Das Eisgrub ist Mainz größtes Brauhaus und bietet in dem verwinkelten Haus Platz für 900 Gäste.

Benno Frank ist seit 1991 der Geschäftsführer. Er führte uns durch das Haus. Das Eisgrub war eine der ersten Gasthausbrauereien in Deutschland. Das Know-how brachte der letzte Braumeister der Mainzer Aktienbrauerei mit, der der erste Braumeister im Eisgrub wurde. 20 bis 30 hl werden bis heute vor den Augen der Gäste wöchentlich gebraut. Bei den Mainzer scheint das Eisgrub-Bräu beliebt zu sein. Zumindest waren bei unserem Eintreffen am Nachmittag alle Plätze besetzt.

Benno Frank ist übrigens gut mit Wendelin Quadt befreundet. Die beiden haben den Mainzer Brauer-Stammtisch ins Leben gerufen. Angesichts fünf Brauereien sicherlich eine sinnvolle Idee.

Kuehn Kunz Rosen war auch die nächste Brauerei, die wir besuchten. Wendelin stammt aus Siegburg und ist Mitglied unserer Sektion Rheinland. Er begrüßte uns persönlich und es gab bei unserem Eintreffen natürlich ein großes Hallo.

Kuehn Kunz Rosen braut seit Mai 2017 in einem alten Rohrlager mit urbanem Charme nicht nur für sich, sondern auch für weitere ausgewählte Brauereien. Wendelin legt Wert auf individuelle Zutaten aus der Region. Sein Faible ist die Entdeckung außergewöhnliche Gewürze aus aller Welt. Alle Biere bleiben naturbelassen und unbehandelt. Der gesamte Prozess der Bierherstellung findet auf dem Gelände statt.

Der Name der Brauerei ist vom Berater Kaisers Maximilians I., Kunz von der Rosen (1470–1519), inspiriert. Er wirkte mit viel Witz und Intelligenz am Hof. Der Kaiser schätzte an ihm seine schillernde Persönlichkeit, die bereit war, neue Wege zu gehen und kühne Taten zu vollbringen.

Wendelin Quadt startete Anfang 2013 das professionelle Brauen. Zuvor arbeitete er in der IT-Branche. Aus seinem Hobby machte er einen Beruf. Während seiner Ausbildung zum Craft Brewing in Practice bei der VLB lernte er den diplomierten Braumeister Hans Wägner kennen. Sie gründeten zusammen die Brauerei. Acht Kernsorten umfasst das Sortiment von KKR. Hinzu kommen saisonale, im Fass gelagerte und Festbiere.

Fläschje Flaschebier
Ein Pale Ale und die Mainzer Interpretation der kölschen Brauart. Die Verwendung typischer Kölsch-Hefe betont die fruchtigen Aromen des Hopfens. Ein schlanker Malzkörper vervollständigt dieses unaufgeregte Bier.

Vilzbacher Weizen
Ein klassisches Hefeweizen, benannt nach dem historischen Mainzer Stadtteil rund um den Holzturm. Das sonnengelbe Weizenbier erfrischt mit angenehmen Bananennoten.

Mainzer Dom Bräu
Ein Helles, dass etwas kräftiger ist. Hüll Melon und Monroe geben diesem Bier sein außerordentlich feines Aroma, regionale Malze die Balance und eine leuchtend goldene Farbe. 

Mainzer Pils
Auf dem neuen 15 hl Sudhaus wird es handwerklich eingebraut. Dabei werden hochwertige Malze aus der Region und aromatische Hopfensorten aus deutschen Anbaugebieten verwendet.

Kerlig Hell
Ein untergäriges Lagerbier mit klar strukturiertem Malzkörper. Eine dezente Bittere ist harmonisch eingebunden.

Mystique IPA
Ein India Pale Ale mit frischem Malzkörper und einer feinen Süße, begleitet von komplexen Frucht- und würzigen Hopfenaromen und einer eingebundenen Bittere.

Festland
Ein Stout mit Tonkabohne und einer angenehmen harmonischen Röstaromatik mit Noten von Tonka und Zartbitterschokolade.

Kuehne Blonde
Ein belgisches Wit mit der Zugabe von Haferflocken und Weizenflocken. Darin finden sich feine Orangenaromen und Gewürznoten aus Koriander und Paradieskörnern.

Im Schankraum von KKR stehen elf Biere vom Fass und eine Flaschen- und Dosenbier-Sortiment mit immer wechselnden Sorten auch von befreundeten Brauereien zur Auswahl. Bei KKR gibt es immer wieder Versuchssude vom Hahn. Es gibt also bei jedem Besuch etwas Neues auf der Tapliste.

Vom Schankraum geht der Blick direkt auf die großen Edelstahltanks, die sich im offenen Untergeschoss befinden. Dort wird auch auf einer 15 hl Anlage gebraut. Hier hat uns Wendelin mit Bieren aus seiner persönlichen Schatzkammer verköstigt – delicious!

Wild Romance
Ein White Ale mit Bergamotte, Zitronenthymian und Tonkabohne. Ein fruchtaromatisches Bier mit einem Hauch Vanille und Marzipan. Zutaten: Pilsener Malz, Weizenmalz, Weizenflocken, Haferflocken, Bergamottenpüree, Zitronenthymian, Tonkabohne, Hefe

Offenbarung Barrel Aged Edition 2022 Chardonnay
Der cremiger Barley Wine wurde neun Monate in Chardonnay Fässern gelagert. Die ursprünglich süßliche Aromatik von reifen Bananen und Dörrobst wird dabei durch harmonische Säure des Weißweins und Aromen von Eichenholz ergänzt. Eingebraut wurden Datteln und Balsamico.

Dark Flow Barrel Aged Edition 2022 Whiskey
Ein tiefschwarzes Imperial Stout, neun Monate im Whisky Holzfass der schottischen Destilliere Caol Ila gereift. Der torfige Whisky und das Holzaroma der Eichenfässer verstärken die Komplexität dieses Bieres.

Gutenberg Bock Barrel Aged Edition 2022 Whiskey
Neun Monate im Caol Ila Whisky Holzfass gereift. Torfige Whiskynoten, gepaart mit den Holzaromen der Eichenfässer, ergänzen hervorragend die malzige Vollmundigkeit des Doppelbocks.

Pfeffer In der Gose
Die Gose bekommt durch die dezenten Pfeffer-Noten eine Würzigkeit, die ein Gegenpol zum Zitrus darstellt. Abgerundet wird die Gose durch die typische Salzigkeit im Abgang.

Nach einem zweistündigen Aufenthalt ging es dann für die meisten zurück zum Hauptbahnhof. Vielen Dank an dieser Stelle an Benno Frank (Eisgrub) und Wendelin Quadt für die Zeit und die exzellenten Verkostungen. Last but not least natürlich ein großes Merci an Inken, die uns grandios mit großem Wissen durch Mainz führte.



Inken Küpper

AUTOR

Michael Busemann
Sektionsleiter Rheinland und Präsidiumsmitglied Verband der Diplom Biersommeliers
mb[at]biersommelier.de

Kontaktieren Sie uns

Verband der Diplom Biersommeliers
Kuefsteinstr. 30
3107 St. Pölten
Österreich

Mail: !EMailEncrypter!AyYpLBcUDAMQBF8HOC87JTIcZFRX!
Mobil: +49 171 936 79 19

powered by webEdition CMS